Long- und Post-COVID im wissenschaftlichen Kontext

Long- und Post-COVID betreffen zahlreiche Menschen mit teils langanhaltenden und komplexen Beschwerden. Unterschiedliche Symptomverläufe, mögliche Überschneidungen mit ME/CFS sowie offene Fragen in Diagnostik und Versorgung verdeutlichen die hohe Relevanz des Themas für die Forschung.

Wissenschaftlicher Kontext

Häufigkeit von Long- und Post-COVID

Nach Angaben der Weltgesundheitsorganisation entwickeln etwa 10 % aller Menschen nach einer Infektion mit SARS-CoV-2 ein Long- oder Post-COVID-Syndrom.1, 2 Betroffen sind nicht nur Personen mit einem schweren Krankheitsverlauf oder einer Behandlung im Krankenhaus. Auch nach einer milden COVID-19-Erkrankung berichten etwa 5 % der Betroffenen noch nach 12 Monaten über anhaltende Beschwerden. Besonders häufig betroffen sind Menschen im Alter von 20 bis 59 Jahren sowie Kinder und Jugendliche. Bei mehr als 80 % der Erkrankten bestehen die Symptome länger als 12 Monate fort.3

Beschwerden und das Krankheitsbild

Da es sich bei Post-COVID um ein vergleichsweise neues Krankheitsbild handelt, sind Ursachen, Häufigkeit und genaue Krankheitsmechanismen bisher nicht vollständig geklärt. Zudem gibt es national und international noch keine einheitliche Definition. Die Beschwerden können sich von Person zu Person deutlich unterscheiden. Auch bei derselben Person können sie im Verlauf wechseln. Der Schweregrad reicht von leichten Einschränkungen bis zu schweren Beeinträchtigungen im Alltag. Insgesamt wurden mehr als 200 mögliche Symptome beschrieben, die verschiedene Organsysteme betreffen können.4

Verbindung zu ME/CFS

Zu den häufigsten Beschwerden gehören Symptome, die sich stark mit der Erkrankung Myalgische Enzephalomyelitis / Chronisches Fatigue-Syndrom (ME/CFS) überschneiden.4, 8, 6 Etwa 15 bis 20 % der Post-COVID-Erkrankten erfüllen nach sechs Monaten die Diagnosekriterien für ME/CFS.5, 9, 10, 6, 11, 12

Typische Beschwerden beider Erkrankungen sind starke Erschöpfung, Konzentrationsstörungen, Einschränkungen von Denken und Gedächtnis sowie eine Verschlechterung nach körperlicher oder geistiger Belastung.7, 13

Folgen für Betroffene und Gesellschaft

ME/CFS hat erhebliche Folgen für die betroffenen Menschen und auch für die Gesellschaft. Viele Erkrankte sind arbeitsunfähig. Ein Teil der Betroffenen kann das Haus nicht mehr verlassen, andere sind auf Pflege angewiesen. Auch Kinder und Jugendliche können schwer betroffen sein. Dies kann zu sozialer Isolation sowie zu Problemen in Schule und Ausbildung führen.

Für Deutschland wurde der wirtschaftliche Schaden bereits vor der Corona-Pandemie bei rund 250.000 ME/CFS-Erkrankten auf über sieben Milliarden Euro pro Jahr geschätzt.14 Durch die große Zahl an COVID-19-Erkrankungen ist mit einem weiteren Anstieg der ME/CFS-Fälle zu rechnen.

Bedeutung für Diagnostik und Versorgung

Bisherige Erfahrungen zeigen, dass ein Screening auf CFS beziehungsweise ME/CFS hilfreich sein kann, um den weiteren Verlauf einer Post-COVID- Erkrankung besser einzuschätzen. Personen mit einem frühen positiven Screening zeigen häufiger einen schwereren oder ungünstigeren Verlauf. Die hausärztliche Versorgung ist meist die erste Anlaufstelle für Menschen mit Post-COVID. Wegen der sehr unterschiedlichen Symptome ist die Abgrenzung zu anderen Erkrankungen jedoch oft schwierig — daher werden derzeit auch viele Menschen mit unklaren Beschwerden in Spezialambulanzen überwiesen, obwohl nicht immer eine Post-COVID-Erkrankung vorliegt.

Quellen & Evidenzbasis

  1. Sørensen, A. I. V. et al. (2022). A nationwide questionnaire study of post-acute symptoms and health problems after SARS-CoV-2 infection in Denmark. Nature Communications, 13(1), 4213. doi.org/10.1038/s41467-022-31897-x
  2. WHO. (2023, April 26). Director-General's opening remarks at the media briefing. who.int
  3. Augustin, M. et al. (2021). Post-COVID syndrome in non-hospitalised patients with COVID-19: A longitudinal prospective cohort study. The Lancet Regional Health – Europe, 6, 100122. doi.org/10.1016/j.lanepe.2021.100122
  4. Davis, H. E. et al. (2021). Characterizing long COVID in an international cohort. EClinicalMedicine, 38, 101019. doi.org/10.1016/j.eclinm.2021.101019
  5. Bonilla, H. et al. (2023). Myalgic Encephalomyelitis/Chronic Fatigue Syndrome is common in post-acute sequelae of SARS-CoV-2 infection. Frontiers in Neurology, 14, 1090747. doi.org/10.3389/fneur.2023.1090747
  6. Kedor, C. et al. (2021). Chronic COVID-19 Syndrome and Chronic Fatigue Syndrome (ME/CFS) following the first pandemic wave in Germany. doi.org/10.1101/2021.02.06.21249256
  7. Committee on the Diagnostic Criteria for ME/CFS, Board on the Health of Select Populations, & Institute of Medicine. (2015). Beyond Myalgic Encephalomyelitis/Chronic Fatigue Syndrome: Redefining an Illness. National Academies Press. ncbi.nlm.nih.gov/books/NBK274235
  8. González-Hermosillo, J. A. et al. (2021). Post-Acute COVID-19 Symptoms, a Potential Link with Myalgic Encephalomyelitis/Chronic Fatigue Syndrome. Brain Sciences, 11(6), 760. doi.org/10.3390/brainsci11060760
  9. Haffke, M. et al. (2022). Endothelial dysfunction and altered endothelial biomarkers in patients with post-COVID-19 syndrome and chronic fatigue syndrome (ME/CFS). Journal of Translational Medicine, 20(1), 138. doi.org/10.1186/s12967-022-03346-2
  10. Jason, L. A., & Islam, M. F. (2022). A classification system for post-acute sequelae of SARS-CoV-2 infection. Central Asian Journal of Medical Hypotheses and Ethics, 3(1), 38–51. doi.org/10.47316/cajmhe.2022.3.1.04
  11. Kuchler, T. et al. (2023). Persistent endothelial dysfunction in post-COVID-19 syndrome and its associations with symptom severity and chronic inflammation. doi.org/10.21203/rs.3.rs-2952588/v1
  12. Legler, A. F. et al. (2023). Symptom persistence and biomarkers in post-COVID-19/chronic fatigue syndrome. doi.org/10.1101/2023.04.15.23288582
  13. Soriano, J. B. et al. (2022). A clinical case definition of post-COVID-19 condition by a Delphi consensus. The Lancet Infectious Diseases, 22(4), e102–e107. doi.org/10.1016/S1473-3099(21)00703-9
  14. Deutsche Gesellschaft für ME/CFS e.V. (2023). ME/CFS könnte die deutsche Volkswirtschaft jedes Jahr 7,4 Milliarden Euro kosten. mecfs.de

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